Offener Brief an Schupelius

Antwort auf “Verzerren die Tempelhof-Kämpfer die Wahrheit?” (Gunnar Schupelius, B.Z., 15 Mai 2014):

Sehr geehrter Herr Schupelius,

ich schätze Sie ja auf eine gewisse Weise, da Sie so mutig sind und in dieser Stadt ordentlich für Stimmung und auch Unterhaltung sorgen. Jedoch verbreiten auch Sie Fehlinformationen – kann man Ihnen aber auch nicht vorwerfen, denn Sie haben ja sehr viele Dinge im Blick.

In der B.Z. vom 15. Mai 2014 stellen Sie die Informationen der Kampagnen-Zeitung “Feld” von “100% Tempelhofer Feld” in Frage. Dies kann man sicherlich machen, denn nicht alle Informationen sind richtig bzw. unanfechtbar.

Jedoch greifen Sie leider die falschen Sachen auf. Dass Sie nicht alle Details der angekündigten Planung, der Entwicklungen und der auf unterschiedlichen Medien veröffentlichen Äußerungen der Initiative und der Verantwortlichen für die “Entwicklung” des Tempelhofer Feldes kennen ist verständlich. Niemand kann das, denn inzwischen ist die Informationsflut einfach zu groß und vielfältig.

Jedoch möchte ich auf ein paar Punkte eingehen. Dass der Volksentscheid auch zur Vertrauensfrage von Wowereits (Nicht-)Regieren wird, ist sicherlich wahr – aber leider nicht messbar. Auch verstehe ich absolut Ihren Unmut, dass Sie unsicher sind, was Sie abstimmen sollen. Ich finde gut, dass Sie konsequent die geplante Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) hinterfragen. Leider sieht unser Abstimmungsgesetz nur starre “Ja-Nein-Fragen” vor. Da gibt es auf jeden Fall einen Reformbedarf.

In “Feld” sind, bei einem Erfolg des Abgeordnetenhaus-Gesetz, eine Belastung des Steuerzahlers von 620 Millionen Euro angeben. Diese Zahl macht einen erst einmal stutzig. Sie geistert innerhalb der Initiative bereits seit über 1,5 Jahren herum und ich konnte Sie auch nicht glauben. Jedoch hat Bausenator Müller bei einer Podiumsdiskussion der Berliner Morgenpost von 500 Millionen Euro Kosten bis 2025 bei Durchsetzung des Masterplans gesprochen – die ZLB ist bei diesen Schätzungen wohl nicht dabei, ob eine Teilsanierung des ehemaligen denkmalgeschützten Flughafengebäudes mitgerechnet werden ist mir unbekannt. Es gibt genügend Baufläche die bereits größtenteils erschlossen ist. Beim ehemaligen Flugfeld ist zusätzlich die Entsorgung von Altlasten unkalkulierbar. Warum gibt es eigentlich nur eine  (fragwürdige) amtliche Kostenschätzung zum Thf-Gesetz, aber nicht zum Gesetz des AGH?

Zur Miethöhe und dem Gespenst der “sozialen, günstigen, bezahlbaren” Wohnungen:
Es ist tatsächlich so, dass es nur für 850 von 4.700 geplanten Wohnungen eine Willensbekundung gibt, sie für 6 bis 8 Euro (teilweise wurde auch von 6,50 bis 8,50 Euro berichtet) pro Quadratmeter nettokalt anzubieten. Dies aber wohl auch nur für 10 Jahre. Dass 9 % der Wohnungen “erschwinglich” sein sollen, haben Sie nicht richtig verstanden. In “Feld” steht klar, dass es 9 % der geplanten Bauflächen sein sollen. Das ist auch ungefähr richtig so. Also 9 % der Fläche und 18 % der Wohnungen sollen für 6 bis 8,50 Euro angeboten werden. Dies ist jedoch deutlich unter dem aktuellen Durchschnitt von ca. 5 Euro/qm der Bestandskaltmieten der städtischen Wohnungsgesellschaften.

Die Aussage, dass die restlichen Wohnungen “14 Euro und aufwärts” kosten sollen ist auf jeden Fall mutig, aber durchaus vorstellbar. Wahrscheinlich würde es eine Spanne von 8 bis 20 Euro geben.

Wo genau dieser ominöse Masterplan erstellt worden ist, lässt sich für mich leider nicht nachkonstruieren. Sicher ist, dass die CDU Tempelhof-Schöneberg nicht zufrieden ist. Sie möchten am lieben den T-Damm gar nicht bebauen. Hierzu gab es im Sommer 2013 eine Einladung des BVV-CDU-Fraktion an “100% Tempelhofer Feld” und die Kleingartenkolonie “Tempelhofer Berg”. Bei dem Treffen wurde klar gefragt: “Wie können wir Ihnen helfen? Wir wollen die Tempelhofer-Damm-Seite nicht bebaut haben.” Gründe waren unter anderem die erhöhte Verkehrsbelastung und die schlecht Schulinfrastruktur. Auch die Architektenkammer Berlin hat bei einer Veranstaltung am 8. Mai 2014 stark hinterfragt woher die Pläne kommen und wie sie tatsächlich entwickelt wurden. Ein schönes Zitat auf dem Kammerforum ist mir hängen geblieben: “Es sollte ein Pferd werden und ist jetzt ein Wolpertinger.”

Das “Zwangsräumungsmoratorium” hinterfragen Sie zurecht. Sicherlich sollte diese Entscheidung den Richtern vorbehalten werden. Jedoch sind Gesetze vom Abgeordnetenhaus veränderbar. Eine breitere Betrachtung der Einzelfälle von Menschen in Not bzw. bevorstehender Wohnungsnot würde dem sozialen Frieden nicht abträglich sein.

Wie der Kauf von (Grün-)Flächen in dieser Stadt zustande kommt, finde ich oft fragwürdig bzw. dessen Folgen. Wie kann es sein, dass ein Investor Teile einer Kleingartensiedlung ersteht, in Hinterzimmern mit dem Bezirk und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gemauschelt wird und dann bei einer möglichen Nichtbebauung der Schadensersatz dem ca. 50-fachen des Kaufpreises entsprechen soll? Das kann man der Berliner Bevölkerung nicht vermitteln.

Es geht bei vielen Dingen nicht um das “Ob” sondern um das “Wie”. Beim Tempelhofer Feld wird nun am 25. Mai zunächst die “Ob-Frage” gestellt. Vielleicht gibt es ja bereits in fünf bis zehn Jahren Beteiligungsformen, mit welchen die komplette Bevölkerung in kleinteiligen Schritten zufriedenstellende Mehrheitsentscheidungen treffen kann.
Dann könnte man auch eine Entwicklung des Tempelhofer Feldes neu aufleben lassen und zwar zum Beispiel mit wirklich erschwinglichen Wohnungen, ohne ZLB und einer freien Sonnenbank auf der Neuköllner Seite.
Vielleicht geht aber auch der Trend weiter und mehr Touristen, Brandenburger und Berliner aus allen Stadtteilen nutzen die wunderbare Freifläche so wie sie ist und werden kann: mit kleinen wechselnden Projekten, schattenspendenden Bäumen und Sportflächen an den Rändern sowie mobilen Sitzgelegenheiten, Sanitäreinrichtungen und Verkaufsständen auf dem gesamten Feld.

Viel zu wenig wird in der Stadt auf die Meinung der Anwohnenden gehört – keine Initiative und keine Partei kann sich anmaßen zu wissen was die in Berlin Lebenden wünschen.

Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass es bald Messinstrumente für Stimmungen gibt – anstatt Meinungen zu bilden.

Mit freundlichen Grüßen
Felix Herzog