Google-Szenario: Entmündigung der Konsumenten?

Durch die Einführung von Google+ kommt es mal wieder zu einer neuen Diskussion über Macht und Einfluss des Suchmaschinen-Giganten. Inzwischen lassen sich sehr viele alltäglichen Dinge über Google regeln. Von Terminplanung über E-Mails und Office-Anwendungen ist nun mit dem sozialem Netzwerk Google+ wirklich fast alles dabei.

Ich habe mir folgendes Szenario überlegt: Angenommen man möchte eine Digitalkamera kaufen, würde man sich zunächst mit Google über Marken, Modelle, Bewertungen und Preise informieren. Letztendlich wird man wahrscheinlich über Amazon, eBay oder einem Preisvergleichsdienst das beste Produkt kaufen.
Google weiß bisher, dass man sich für Digitalkameras interessiert und Vergleiche angestellt hat. Die Suchmaschine kann durch Google Analytics feststellen, auf welchen Shops man sich aufhält und eventuell sogar erfahren, dass es zu einem Kauf gekommen ist.
Lassen wir nun in den Überlegungen ein paar Monate verstreichen. Vielleicht merkt man, dass man für seine liebgewonnene Kamera eine Tasche benötigt oder vielleicht eine Geräteversicherung abschließen will. Die Suche nach dem passenden Zubehör würde wahrscheinlich mit der entsprechenden Modellbezeichnung verknüpft werden. Spätestens jetzt weiß Google, dass der Kauf höchstwahrscheinlich stattgefunden hat und um welche Kamera oder zumindest welchen Hersteller es sich handelt. Sollte man die Bilder beim Google-Dienst Picasa hochladen, werden diese Informationen ohnehin in den Datei-Eigenschaften übermittelt.
Lassen wir nochmals zwei bis drei Jahre ins Land streichen. Nun gibt es möglicherweise ein Problem mit der Kamera. Zum Beispiel kann es sein, dass das Objektiv nicht mehr ausfährt oder der Display kaputt ist. Die erste Hilfesuche beginnt nun wieder bei der Suchmaschine. Hierbei werden erneut der Produkt-Name und der Schaden per Suchbegriff übermittelt. Nun kann es sein, dass die Kamera zu reparieren ist oder man sich auf die Suche nach einer neuen begibt.
Jetzt beginnt der interessante Teil des Szenarios.
In der Zwischenzeit hat sich die “Test-Person” ein neues Handy mit Android-Betriebssystem zugelegt. Somit kann Google theoretisch wissen, wo man sich gerade aufhält.
Angenommen man läuft nun in der Stadt an einem Elektro-Laden vorbei und man hat sich davor eindeutig über neue Kameras informiert, könnte es nun passieren, dass auf seinem Smartphone eine Meldung landet, die folgendermaßen aussehen könnte: “Sie haben sich vor 3 Jahren eine Digitalkamera gekauft, welche nun nicht mehr aktuell oder möglicherweise kaputt ist. Durch Vorzeigen dieser Mitteilung bei [Elektro-Geschäft] erhalten Sie innerhalb der nächsten 5 Stunden alle Kameras von [erste Lieblingsmarke] und [zweite Lieblingsmarke] zum günstigen Froogle*-Preis mit einem Rabatt von 5% (wahlweise auch: zum günstigesten Preis mit einer kostenlosen Garantieverlängerung/Geräteversicherung/Zubehör).” (* Preissuchmaschine von Google).
Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Werbung fruchtet und der Kauf durch den individuellen Preisnachlass auf ein persönlich bevorzugtes Produkt bzw. Marke tatsächlich zustande kommt, ist sicherlich um einiges höher als bei herkömmlicher Massenwerbung.
Diese Szenario lässt sich natürlich auf beliebige andere Produkte übertragen. Es wurden auch keine Reaktion durch Google+ auf andere Kaufentscheidungen von Freunden bzw. Leute eigener Circels berücksichtigt (à la “Freund XY hat sich [Produkt] gekauft und Sie haben es für gut befunden, erhalten Sie nun 10% Rabatt bei [Geschäft] um die Ecke”).

Die Folge dieser Praxis wäre, dass man als Konsument kaum noch Kontrolle über seine eigenen Kaufentscheidungen haben wird, da einem immer und ständig passende Angebote gemacht werden können. Ob dies nun positiv oder negativ für den Einzelnen ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Natürlich hat man auch (finanzielle) Vorteile, wenn man auf die Angebote eingeht. Allerdings werden so die eigenen Suchanfragen, für viele wahrscheinlich unbemerkt, für individualisiert Werbung noch mehr “missbraucht” als es heute schon der Fall ist. Viele Konsumenten werden diese mögliche Folgen der Durchdringung von Google in vielen alltäglichen Bereichen sogar dankend annehmen, jedoch ist die Frage, inwieweit man noch selbst Herr oder Frau über das eigene Kaufverhalten ist.
Ich bin gespannt, was Google nach dem eigenen sozialem Netzwerk noch so auf Lager und was tatsächlich umgesetzt wird.